"Parallel Limb" Bögen... Worum geht es?
Reden wir erst über Begriffe.
Nicht nur in der Schule, in Geometrie, haben wir das Wort "parallel" sehr oft gehört. "PARALLEL" ist das neue "Millionen-Dollar" Modewort in der Bogenindustrie. In jedem Magazin, das sich mit unserem Sport beschäftigt, in Werbespots, in Foren, usw., das Wort "Parallel" erheischt Aufmerksamkeit. Dieses Phänomen hat auch ein paar neue Phrasen hervor gebracht. Zum Beispiel:
"Paralle Geometrie", "Parallele Konfiguration", "Parallel-Technologie", usw. Ein paar Industrie Marketing Gurus haben es sogar geschafft, völlig unlogische Begriffe in den Markt zu drücken. Wie: "Fast parallel", "höchst parallel", oder "eigentlich parallel". Nun, was immer eine "höchst parallele Konfiguration" auch ist, wir, die Schützen, scheinen es auf jeden Fall dringend zu brauchen! Vielleicht ist es Zeit mal genauer hinzusehen und uns mal mit dieser "Innovation" zu beschäftigen. Und dann schauen wir uns an, was wir TATSÄCHLICH unter PARALLEL zu verstehen haben.
Ausrichtung "paralleler" Wurfarme
Natürlich ist dieser "parallel" Verweis die Referenz zur Stellung der Wurfarme im Verhältnis zum Mittelteil. In den letzten Jahren ist der "Parallel Limb" Bogen der größte Herausforderer auf dem Markt geworden. Ja, und jeder Hersteller von Compounds will jetzt sein "Stück vom Kuchen"! Aber WAS ist eigentlich ein: "Parallel Limb" Bogen?
OK, fangen wir oben an. Generell ist ein "Parallel Limb" Bogen ein Bogen mit einem langen Mittelteil und kurzen Wurfarmen, die im Vollauszug (mehr oder weniger) horizontal ausgerichtet sind.
Also, anders als konventionelle Bögen, deren Wurfarme mehr vertikal ausgerichtet sind, zeigen die Wurfarme eines PLB (Parallel Limb Bogen) direkt auf den Schützen. Nun kann man sagen, die Wurfarme sind... äh, "eigentlich" parallel zueinander. Daher natürlich der Name.
Allmählicher Wechsel in Richtung "parallel".
Parallel limb Bögen sind nicht plötzlich erschienen, wie ein neues Cam oder eine neue Farbe. Die Entwicklung ging allmählich vonstatten. Maschinelle Verarbeitungstechnologie hat sich verbessert, verbesserte Materialien und die Designer fummeln ja sowieso ständig herum.
Sie experimentieren mit längeren Mittelteilen, kürzeren Wurfarmen, andere Winkel in den Wurfarmtaschen und höhere Vorspannung der Wurfarme. Und so, nach und nach, haben wir in den letzten 5-6 Jahren sehen können, wie bei den jeweils neuesten Bögen die Ausrichtung der Wurfarme immer mehr in die Richtung "parallel" ging.
Parallel = VERKAUF!
JEDER der einmal einen PLB geschossen hat, kann SOFORT den Unterschied zum "normalen" Bogen beschreiben. Verglichen mit einem Standardbogen, sehr viel weniger Schock und Vibration. Und leiser ist er auch noch. Und je mehr sich die Wurfarme der Parallelstellung nähern umso "sanfter" scheint er sich zu ziehen und zu schießen. Es ist also eigentlich kein Wunder, warum sich mehr und mehr Schützen für diesen Bogenentwurf entscheiden. (Speziell die Bogenjäger!) Eigentlich sind die am meisten verkauften Bögen heute die, mit dem Parallel-Limb Design. Unglücklicherweise hat dieser Hype auch eine Menge "Möchte-Gern_Parallel_Bögen" auf den Markt gebracht.
Bögen die zwar als "parallel" beworben werden, es aber definitiv NICHT sind.
Es hilft nur: MESSEN!
Es scheint so, dass sich heute jeder Bogen mit etwas aussergewöhnlichen Wurfarmen mit dem Schild "Parallel" schmückt. Dabei haben die meisten Bögen nicht mal den gleichen Wurfarm Winkel!Einige Designs sind offensichtlich sehr viel näher am tatsächlichen PARALLEL als andere. Kriegen wir Schützen also wirklich was in der Werbung steht? Oder wird dieser Begriff PARALLEL LIMB so locker gebraucht, dass jeder Bogen mit einem Winkel von über 70° schon parallel genannt wird? Da alle Bögen offensichtlich NICHT gleich sind, kann man nur eines machen: MESSEN!
Kurze, parallele Bögen und Stabilität
Nachdem schon div. Schützen viele Jahre hervorragende Ergebnisse mit dieser Art kurzer Bögen schießen, höre ich immer noch Kommentare, dass lange Bögen "besser" sind als kurze. Das häufigste Statement ist, dass kurze Bögen nicht so stabil sind. wie lange. Eigentlich gehört diese Denke heute in den Bereich Tradition. Inzwischen haben neben mir, viele andere Schützen gemerkt wie akkurat und genau diese Bögen sind. Natürlich werden immer noch lange Bögen verkauft und natürlich machen diese Bögen ihren Job gut. Aber der ernsthafte Wettkampfschütze braucht die Seiten im Katalog, mit den kurzen Bögen nicht mehr überblättern. Auch wissen die Hersteller heute, wie wichtig Stabilität und Balance sind. Es wird eine Menge mehr an Arbeit und Forschung in diese kurzen Bögen gesteckt, als sich der "Otto Normal Schütze" vorstellen kann.
In den späten 80igern und frühen 90iger Jahren schoss jeder einen sehr deflexen 45-48" Bogen. Die Ausnahme waren Mittelteile von PSE. Die verwendeten ein gerades Mittelteil. Und der "Fire Flight" von PSE zu der Zeit, war mit 41" radikal kurz! Die Ergebnisse von PSE Schützen zu der Zeit waren eindrucksvoll. Man denke nur mal z.B. an Terry Ragsdale.
Wenn man sich jetzt mal die kurzen Bögen etwas genauer ansieht, speziell die Bögen, die für die Jagd und/oder 3-D entwickelt wurden, bemerkt man recht schnell, warum diese Bögen eigentlich so gut sind.
Diese Bögen wurden entworfen für 8-12" Stabilisatoren!!
Weil die Bogenjäger im Wald mit diesen kurzen Stabis manövrieren müssen, brauchen sie einen Bogen, der von Hause aus stabiler ist. Sie haben keine Zeit den Bogen im Auszug sich beruhigen zu lassen, bevor sie schießen.
Warum ist nun gerade dieser Umstand so gut für Target-Schützen? Es bedeutet einfach nur, dieser Bogen wird sehr viel schneller ruhig und stabil sein als der, der einen langen, schweren Stabi braucht. Und das bedeutet auch, ein langer, schwere Stabi wird viel effektiver sein.
Ist schon interessant, fast alle gegenwärtigen FITA Rekorde sind mit geraden oder reflexen Bögen geschossen worden.
OK, wir wissen jetzt, unser reflexer Bogen steht stabil und ist sehr genau, Was ist mit der Länge?
Ich muss wirklich heutzutage noch einen Grund finden um zu behaupten ein 41" Bogen ist genauer und stabiler als ein 34" Bogen. In den letzten paar Jahren habe ich geschossen und/oder getestet:
MARTIN Scepter 41", Deflex
Oneida AeroForece 44", Reflex
Mathews RivalPro 40", Gerade
HOYT MagnaTec 35", Reflex
Hardfield Tribun 39", Gerade
MARTIN Razor-X 43", Gerade
Mathews Q2, 34", Reflex
OK Sirius Black, 38", Reflex
REFLEX Growler, 34", Reflex
Ben Pearson Z34, 34" Reflex
Elite AIGIL, 33", Reflex
Alle diese Bögen hatten eines gemeinsam: Sie schossen dahin, wo ich hingezielt habe! Der größte Unterschied in der Stabilität, war immer nur das jeweils verwendete Stabilisator Setup!
Die, z.B. sehr ähnliche Geometrie des Q2 und des Z34 endete damit, ich brauchte für den Q2 mehr Gewicht nach vorne raus. Der Sirius Black mochte nicht soviel Gewicht im Frontbereich aber der RivalPro liebte das.
Was heißt das jetzt Alles? Jeder Bogen ist so stabil wie der Andere, wenn es eine vernünftige Konstruktion ist. Allerdings musst Du jedesmal Dein Stabilisationssystem neu überprüfen! Was an Deinem alten Bogen gut funktioniert hat, muss an Deinem neuen Bogen noch lange nicht funktionieren! Meine beiden neuen "Begleiter" der Z34 und der AIGIL brauchen unterschiedliche Stabi Setups.
Wie auch immer, versuche es einfach mal und vielleicht wirst Du über einen kurzen Bogen genauso überrascht sein wie ich und mit den Ergebnissen mehr als zufrieden.
Parallel Limb "Revolution"
Es sieht so aus, als würden uns die parallelen Limb Bögen eine ganze Weile begleiten. In 2007 hat praktisch jeder Hersteller seine Wurfarme nach hinten gekippt um ja nicht den Markt Trend zu verpassen! Für uns Schützen hat das auch was Gutes! Weil der ganze Markt damit überfutet wird, ist es heute schon möglich für 600,- bis 800,- Euro einen exzellenten Bogen zu bekommen! Weil die Mehrheit der Hersteller ihre Bogenlinien dahin überarbeitet haben, sind diese Bögen eben nicht mehr für den "High End" Bereich reserviert. Ende 2007, Anfang 2008 sehen wir schon gute Parallel-Bögen im Bereich 400,- bis 600,- Euro.
Was wir der nächste "Große Wurf"?
Parallel Bögen haben den Markt erobert. Kein einzelner Hersteller kann das Design für sich allein beanspruchen. Sie sind inzwischen Standard. Das hinterlässt natürlich gerade bei den "IN" Herstellern ein Problem. Wie gehen sie jetzt an den High End Kunden, an den "Hard Core" Kunden heran? Was wird der nächste "Große Wurf" mit dem Preisschild von 1.000,- Euro+? Mittelteile aus Carbon? Magnum-Level Cams? Keine Ahnung. Wir werden es sehen.
Perspektive
Sind Parallel Limb Bögen nun wirklich "genauer"?
Möglicherweise nicht. Obwohl der PLB bemerkenswert ruhiger, leiser und sanfter zu ziehen ist, gibt es tatsächlich keinen Beweis, dass er eine bessere "eingebaute" Genauigkeit als ein Standard D-Bogen hat. Und da es den Target-Schützen eigentlich wurscht ist, ob der Bogen nun so viel leiser ist, ist das PLB Phänomen im Target-Bereich noch nicht so angekommen.
Sind alle Schützen von den Parallel Limb Bögen begeistert?
Sicherlich nicht! PLBs sind nicht für Jeden attraktiv. Während die, ich nenne sie mal Generation X, Schützen dieses Design lieben, höre ich von einigen, mehr traditionellen, Schützen eben auch, sie sind häßlich. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Trotzdem ist es natürlich ein Argument. Denn jeder Schütze muss sich mit SEINEM Bogen wohl fühlen!!
PLBs bringen mehr Gewicht mit
Ein PLB beginnt mit einem sehr langen Mittelteil. Weil das Meiste des Bogengewichts im Mittelteil steckt, ist der durchschnittliche PLB ca. ein halbes Pfund schwerer als der durchnittliche D-Bogen. In 2001 wog der durchschnittliche Compound 3,6 lbs. Heute ist der Durchschnitt deutlich über 4 lbs. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass der Begriff "lightweight" aus der Werbung verschwunden ist? :-) Das Problem ist: Stabilitätsgewicht gegen strukturelle Stabilität. Je länger das Mittelteil ist, um so stabiler muss es sein! Die Hersteller können also nicht mehr soviel Gewicht von Mittelteil weg nehmen. (Cut outs) Der Schütze mit einem PLB hat als mit dem Zusatzgewicht zu leben.
Bogengewicht - Vorlieben
Nun, zusätzliches Gewicht am Bogen ist ja nicht von Hause aus was Schlechtes. Einige Schützen mögen mehr Gewicht am Bogen, besonders Wettkampfschützen. Ein schwererer Bogen ist stabiler im Vollauszug und steht ruhiger beim zielen. Unter dem Aspekt sind PLBs mit Sicherheit kein Rückschritt. Auf der anderen Seite gibt es Schützen, die leichtere Bögen bevorzugen. Besonders Jäger und 3-D Schütze, die ihre Bögen über den langen Parcours schleppen müssen. Hier gibt es mit Sicherheit kein falsch oder richtig. Es ist tatsächlich eine Frage der persönlichen Vorlieben. Weniger als 2 lbs unterscheidet die leichtesten von den schwersten Bögen. Und bei einem voll aufgerüsteten Bogen mit Visier, Stabis, evtl. Bogenköcher mit Pfeilen, fällt es wohl nicht so ins Gewicht.


