Speed ist eine gute Sache, ABER noch lange nicht Alles!
Wenn ich so die Kommentare im Bogensport-Forum lese oder auf dem Schießplatz höre, kommt es mir so vor, dass viele Schützen der Wert ihrer Bögen und ihrer Ausrüstung nur an einer Sache festmachen - SPEED!
Die letzten Jahre haben mich ganz klar zu der Überzeugung gebracht, SPEED ist ein sehr schlechter Indikator dafür, wie angenehm akkurat mein Bogen schießt. Tatsache ist, auf der Liste der Punkte, die mein neuer Bogen erfüllen muss, ist SPEED sehr viele Stellen nach unten gerutscht!
Ich bin älter und (hoffendlich) etwas weiser geworden.
Natürlich habe ich das Thema nicht immer so gesehen. Während der neunziger Jahre und der ersten Jahre des neuen Jahrtausends, war ich auf vielen Wettkämpfen zu finden. In der Zeit habe ich es oft zugelassen, dass der CHRONOGRAF mich beeinflusst hat. Meine Laune, mein Selbstbewusstsein und die Wahl meiner Ausrüstung! Bedingt durch meine kurze Auszugslänge (27") habe ich zu allen Möglichkeiten gegriffen um auch noch das letzte Quäntchen Geschwindigkeit, den letzten fps aus meiner Ausrüstung raus zu holen.
Zu hohes Zuggewicht, zu leichte Pfeile, zu lange Auszugslänge....
Alles allgemeine Taktiken um noch ein paar mehr fps aus einem sonst moderaten Set-up raus zu holen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich merkte, zu hohes Zuggewicht kann erhebliche Nebenwirkungen haben: Goldangst, Schulter-Krankheiten, ge"punch"te Schüsse und letztendlich nicht getroffene 10 er. Der ultraleichte Pfeil flog sehr ungleichmäßig und verstärkte noch jeden kleinen Fehler in meinem Schießstil. Der eine Zoll zuviel Auszugslänge brachte mir 10 fps mehr und zusätzlich eine ganze Liste an Problemen. "Blauen" Bogenarm, unstabilen Ankerpunkt, Probleme mit der Sehne, und "Schrotschuss"-Gruppierungen. Das sind nur ein paar Beispiele für Probleme bei zu langer Auszugslänge.
Wer ist schuld?
Die Schuld für die Fehlinterpretation, dass SPEED einer der wichtigsten Punkte bei der Qualität eines Bogens ist, kann auf viele Schultern verteilt werden. SPEED ist ein sehr einfaches Werbemittel, weil eine gemessene Zahl ein sehr einfaches Kriterium ist um einen unerfahrenen Schützen zu beeindrucken. Oft wird die Geschwindigkeit des Bogens angeführt, als Ersatz für die Fähigkeit des Entfernungsschätzens. Nur, kein Bogen der Welt ist so schnell. Viel zu viele Schützen fallen auf diesen Werbetrick mit dem Speed herein und nehmen das als wichtigstes Kriterium beim Kauf eines Bogens. Es ist ihnen nicht klar, Speed ist relativ und hängt mit vielen persönlichen Faktoren zusammen.
Ich habe bei Händlern schon gesehen, dass sich unerfahrenen Schützen ihren Bogen nach einer Speed-Rating Tabelle aus dem Internet ausgesucht haben. Vielleicht glauben sie, sowas gibt ihnen einen "Hauch von Ahnung".
Tatsächlich macht so was genauso viel Sinn, als würde man ein Auto nach dem Kriterium kaufen, welches die höchste Zahl auf dem Tacho stehen hat. Glücklicherweise schauen Autokäufer auch nach Faktoren wie:
Komfort, Sicherheit, Preis, Zuverlässigkeit, Qualität, Garantie, usw.
Vielleicht sollte mal jemand der Industrie den Rat geben, mehr Geld in die Ausbildung der Schützen zu stecken. Ihnen die wirklich wichtigen Kriterien eines Bogens und der Ausrüstung beizubringen, als Millionen von Dollars und Euro dafür zu investieren, immer lauter zu schreien, WIR haben den schnellsten Bogen der Welt! Egal was es kostet, WIR bauen auch in Zukunft den schnellsten Bogen der Welt. Möglicherweise würden dann eine Menge enttäuschter Schützen mit kriegen: "Speed heißt nicht notwendigerweise auch treffen!"
Ein besseres Kriterium.
Ich will nach wie vor soviel Speed wie möglich aus meinem Bogen. ABER.... ich erlaube dem Chronografen nicht länger die Auswahl meiner Ausrüstung!!
Die Auswahl meines Bogens beginnt direkt, wenn ich zum ersten Mal meine Hand um den Griff lege. Fühlt sich der Griff in meiner Hand gut an? Wie fühlt sich der Bogen ohne Zubehör an? Gut ausbalanciert? Fühlt er sich bei ausgestrecktem Arm unnötig schwer und ermüdend an? Vom ersten Auszug an weiss ich, zieht es sich sanft und gleichmäßig oder quellen mir bald die Augen raus? Sitzt er bequem am Ankerpunkt? Muss ich kämpfen um ihn ruhig zu halten?
Doch der tatsächliche Augenblick der Wahrheit kommt, wenn ich ein paar Pfeile schieße. Ist der Bogen leise? Kein Rückschlag? Vibration? Hand-Schock? Und vor Allem: Wie eng ist die Gruppe, wenn ich mal NICHT den perfekten Schuss abliefere?
Ein Punkt, der auch sehr oft übersehen wird: Hat der Bogen Charakter? Ist es vom Gefühl her ein Bogen, auf den ich mich verlassen kann? Steht er mit mir komplette Wettkämpfe durch? Es gibt Bögen, die wirklich NUR auf Speed ausgelegt sind. Ich möchte einem solchen Bogen nicht das Ergebnis eines Wettkampfes anvertrauen. Ich denke, ein Bogen ist mehr als ein Werkzeug. Er ist mehr wie ein Partner und muss deshalb seinen Teil des Jobs absolut zuverlässig erfüllen. Natürlich passieren unvorhersehbare Unfälle. Und genau dann bin ich dankbar, wenn ich eine Firma habe, die schnell und unkompliziert ihren Garantieverpflichtungen nachkommt.
Ein oft kolportiertes Wort in Schützenkreisen, das aber eben einfach stimmt:
"Lieber eine langsame 10, als eine schnelle 8!"


