Was hat es mit dieser "Verzeihlichkeit" auf sich?
Die meisten Schützen sind sich einig, dass die Standhöhe der Hauptfaktor
ist, wie "verzeihlich" sich ein Bogen schießen lässt.
Es hat viel damit zu tun, wie lange die Sehne "unterwegs" ist.
Weil eine größere Standhöhe dafür sorgt, dass die Nocke weniger Zeit,
weniger Kontakt mit der Sehne hat, verringert sich die Chance durch
Torque, also verdrehen des Bogens mit der Hand, den Schuss zu ruinieren.
Der Bogen ist also verzeihlicher. Aber egal, ist die Standhöhe größer,
wird der Bogen langsamer, weil sich damit auch der Powerstroke
verkürzt.
Ein Zoll mehr Powerstroke, bringt in der Regel ca. 7-12 fps mehr Geschwindigkeit.
Für einen guten Schützen sind ca. 7 Zoll Standhöhe eine gute Mischung
aus Speed und Schießbarkeit. Die Grenzen sind hier ein wenig verschwommen,
denn für Schützen mit einem sehr kurzen Auszug verkürzt sich dadurch
der Powerstroke noch mehr.
Theoretisch könnten als Schützen mit einem sehr kurzen Auszug auch
eine geringere Standhöhe schießen, ohne das dadurch der Bogen
"zickiger" wird.
Nun, solange die Sehne keinen Kontakt mit der Kleidung und/oder dem
Bogenarm hat UND man hat ein STS am Bogen, wird der Unterschied
zwischen 6 Zoll und 7 Zoll Standhöhe, bei einem Schützen mit einem
Auszug von 27 Zoll und darunter, kaum feststellbar sein.
Trotzdem, die Frage der "Verzeihlichkeit" hat nicht NUR mit der Standhöhe zu tun,
sondern auch mit der ATA Länge. (Abstand, Achse zu Achse.)
Beides, Standhöhe und ATA kann unterschiedliche Effekte haben. Ein
längerer Bogen ist verzeihlicher aus zwei Gründen:
Das Peep ist näher am Auge, was dadurch kommt, dass man einen
größeren Sehnenwinkel hat. Und ein längerer Bogen hat, bezüglich des
Griffes, in der Regel eine höhere Massenträgheit. Damit ist er stabiler!
Generell gilt: Je länger der Bogen, speziell das Mittelteil, um so höher ist
die Massenträgheit. Anbringen von Gewichten am Ende des Mittelteils
begünstigt den Effekt noch.
Eine größere Standhöhe ist verzeihlicher aus zwei Gründen.
Da der Pfeil nicht durch die Hand kann, muss er oberhalb der Hand den
Bogen verlassen. Die Tatsache, dass man den Bogen an einem Punkt
oberhalb des Griffes zieht, erzeugt torque (Verdrehung). "Vertikalen torque."
Wie viel torque hier entsteht, hängt davon ab, wie weit der Punkt
oberhalb der Hand liegt und der Standhöhe. Diese beiden Variablen
definieren den Winkel den man OBEN an der Sehne zieht - vertikaler torque!
Je geringer die Standhöhe um so größer ist der Winkel, um so mehr
vertikaler torque.
Theoretisch sollte ein längerer Bogen weniger für Hoch-/Tiefschüsse
anfällig sein. Und eine größere Standhöhe ist weniger anfällig für
Hoch-/Tief- und Rechts-/Linksschüsse.
----------------
Hier ein zusätzlicher Kommentar von Günter W.
Erfahrener Compounder, seit 25 Jahren dabei:
Ich möchte auf einen weiteren Gesichtspunkt zum Thema "Verzeihlichkeit" hinweisen. Wie schon gesagt, gilt eine große Spannhöhe als verzeihlich mit der Begründung, dass der Pfeil dann nicht so lange Kontakt mit dem Bogen hat und weniger durch Schützenfehler beeinflusst wird. Ein große Spannhöhe sorgt aber auch dafür, dass ein Bogen weniger leicht seitlich durch die Bogenhand verdreht werden kann. Noch weiter begünstigt wird das durch lange Wurfarme, die sich beim Auszug relativ weit nach hinten verbiegen. Dadurch verlängert sich der Hebelarm. Mit Hebelarm meine ich den Abstand vom Griff bis zu der Achse zwischen den beiden Punkten, wo die Sehne das obere und untere Cam im Vollauszug verlässt. Compoundbögen in traditioneller Bauform eventuell mit Recurve-Wurfarmen wie z.B. Hoyt Ultra/Pro mit langen XT 3000/3500 Wurfarmen oder ein Martin Scepter sind gute Beispiele für verdrehungsarme Bögen mit langem Hebelarm.
Aber solche Bögen haben durch ihren flachen Wurfarmwinkel und die langen Wurfarme viel bewegte Masse, die sich beim Abschuss nach vorne bewegt. Es entsteht ein relativ großer Rückstoss/Prellschlag. Nun gibt es wieder Meinungen, die besagen, dass es gut ist, wenn ein Bogen sich im Abschuss in Schussrichtung bewegt, weil ein in Bewegung befindliches Teil nicht so leicht aus der Bahn abgelenkt werden kann. Ok, da mag schon was dran sein und es wurden unzählige Top-Leistungen mit solchen Bögen erzielt.
Für mich persönlich habe ich allerdings das Gefühl, dass die neueren Bögen mit kürzeren sehr parallelen Wurfarmen auch ihre Berechtigung haben. Sie sind sicher nicht so verdrehungsfrei. Es ist bei solchen Bögen daher besonders wichtig einen möglichst verdrehungsarmen (schmalen) Griff zu haben, der eine korrekte leicht wiederholbare Positionierung der Bogenhand begünstigt. Der Vorteil dieser Bögen mit parallelen Wurfarmen liegt im geringen Rückstoss/Prellschlag, weil die Wurfarmmasse sich im Abschuss hauptsächlich nach oben und unten bewegt und nicht nach vorne. So ein Bogen bleibt im Abschuss also relativ ruhig stehen. Ich meine, dass ich mit so einem Bogen ruhiger und entspannter zielen kann, weil ich weniger "Angst" vor dem Prellschlag haben muss. Und genaues Zielen ist beim Compound-Schießen verdammt wichtig.
Es ist wieder mal so, dass jeder für sich selbst herausfinden muss, womit er am besten zurecht kommt. Derzeit entscheiden sich viele Top-Schützen für eine Kompromiss-Lösung wie sie z.B. ein Hoyt Vantage Elite oder ein Mathews Apex darstellt. Um mit halb-parallelen Wurfarmen die gewünschte Achslänge für einen Scheibenbogen zu erreichen, haben diese Bögen sehr lange Mittelteile und werden dadurch sehr schwer. Hohe Massenträgheit ist grundsätzlich wieder gut, aber was nützt sie, wenn einer mit dem überschweren Bogen kämpfen muss um ihn im Gold zu halten. Also immer schön vorher ausprobieren, wenn es denn geht.
wintgu


